Erst fallen die Preise, dann die Hemmungen. Doch das ist gemäss Experten erst der Anfang einer möglichen Eskalation auf dem überbevölkerten Zürcher Strassenstrich.
Auf dem Zürcher Strassenstrich bieten immer mehr Prostituierte ihre Liebesdienste an. Zurückzuführen ist das auf die EU-Osterweiterung. Sie hat die Zahl der Frauen aus den neuen EU-Ländern von 217 im Jahr 2006 auf 794 im Jahr 2007 hochschnellen lassen. Die meisten der vom Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) als «selbständige Dienstleistungserbringerinnen» verzeichneten Frauen dürften sich der Prostitution hingeben, wie das AWA auf Anfrage bestätigte.
Mit dem überbevölkerten Strassenstrich fielen erst die Preise, dann die Hemmungen. Doch laut Experten könnte das erst der Anfang einer bedrohlichen Entwicklung sein. Der Leiter der Projektgruppe Rotlicht, Rolf Vieli, kann eine Gewaltzunahme im Rotlichtmilieu nicht ausschliessen. Grund: «Die alt eingesessenen Prostituierten befürchten, dass die Neuen aus dem Osten in ihre Reviere eindringen», sagt Vieli. Betroffen seien besonders die Bars an der Langstrasse, wo die Prostituierten anschaffen. Dabei fürchtet sich Vieli weniger um Gewalt unter Frauen: «Die Gewalt dürfte eher von Personen aus dem Umfeld der Frauen ausgehen», sagt Vieli. «Wenn wir hier nicht kontrollierend eingreifen, bekommen wir Probleme».
Noch sei die Situation «relativ ruhig». Laut dem Chef «Rotlicht» werde man auch «alles daran setzen, einer Gewaltzunahme entgegenzuwirken». Grund für Vielis Sorgen sei der Blick über die Landesgrenzen, wie er sagt. Dort sei in einige Metropolen bereits eine Zunahme von Gewalt unter den Prostituierten und ihren Beschützern festgestellt worden.
Vieli ist momentan daran, mit der Projektgruppe Rotlicht neue Strategien zu erarbeiten, wie man die Prostitution in Zürich lenken kann. Das Grundsatzpapier soll im Sommer dem Stadtrat überreicht werden, wie Vieli sagt. «Wir hoffen, dass die Massnahmen im Herbst umgesetzt werden.»
Mit welchen Massnahmen gegen die Gewalteskalation vorgegangen werden soll, ist unklar. Über die Stossrichtung des Grundsatzpapiers hält sich Vieli bedeckt. Das Unterfangen dürfte aber kein einfaches werden. Menschenhandel und Zuhälterei spielen sich in einer Schattenwelt der Illegalität ab, in die Aussenstehende nur schwer eindringen können.
Die Gruppe «Vorermittlungen und besondere Verfahren» der Stadtpolizei Zürich beschäftigt sich seit zwei Jahren mit Menschenhandel im Milieu. Das vierköpfige Team hat in dieser Zeit drei grössere Fälle von mutmasslichem Menschenhandel im Zürcher Rotlichtmilieu aufgedeckt. Die Opfer waren Bulgarinnen, Ungarinnen und Kroatinnen. In zwei Fällen hat die Staatsanwaltschaft ein Verfahren eröffnet. Markus Gähwiler, einer der vier spezialisierten Ermittler, sagte unlängst: «Es ist schwierig, in diesem Milieu überhaupt an Informationen heranzukommen.»
(Quelle: 20min.ch)