Das Elend auf Dortmunds Straßenstrich

Posted in News by admin @ Mai 5, 2009

Die Lage im Norden der Stadt wird seit der EU-Erweiterung 2007 immer dramatischer. 2000 Bulgaren kamen – unaufgeklärte Frauen prostituieren sich, Männer lungern in den Straßen herum. Sie sind legal in Deutschland, können aufgrund der EU-Gesetze aber nicht “normal” arbeiten.

Dortmund. Frauen in großer Not haben die Sozialarbeiterin Elke Rehpöhler und die Diplompsychologin Kirsten Cordes auf dem Dortmunder Straßenstrich schon viel zu viele betreuen müssen. Immerhin unterstützen sie mit ihren Kolleginnen von der “Kober”-Beratungsstelle für Prostituierte des Sozialdienstes katholischer Frauen seit einem halben Jahrzehnt dort arbeitende Frauen. Doch Zustände, wie sie derzeit herrschen, haben sie noch nicht erlebt. “Sie sind unhaltbar. Es muss etwas passieren”, fordern die Kober-Mitarbeiterinnen.

Von den etwa 600 Frauen auf dem Straßenstrich sind laut Kober-Schätzungen rund 300 aus Bulgarien. “Sie sind sehr jung – 18, 19 Jahre – und absolut unwissend”, berichtet Elke Rehpöhler. Die Frauen glauben, wenn sie einmal die Pille nähmen, könnten sie nie mehr schwanger werden. Sie halten ein Tampon für ein Verhütungsmittel. Geschlechtskrankheiten kennen sie ebenso wenig wie Aids. Freier nutzen diese Unwissenheit schamlos aus, überreden die Frauen zum Verkehr ohne Kondom. Zudem hausten die Bulgarinnen zu fünft oder sechst in einem Zimmer, hätten meist keine Kochgelegenheit.

Die Folgen sind dramatisch. Ihr Gesundheitszustand ist schlecht. Mehrere sind schwanger geworden. Kober-Mitarbeiterinnen wissen von zwei, drei Abtreibungen. “In drei Fällen wurden Kinder zur Adoption freigegeben”, berichtet Elke Rehpöhler. Derzeit seien wieder zwei Prostituierte schwanger.

Da die Bulgarinnen EU-Bürgerinnen sind, ist ihr Aufenthalt und ihre selbstständige, angemeldete Arbeit im Milieu legal. Krankenversichert sind sie nicht. Laut Aussage des Dortmunder Sozialdezernenten Siegfried Pogadl “verlangt unsere Gesetzgebung, diese Frauen im Zuge der Notfallversorgung zu unterstützen.” Nach Angaben eines Stadtsprechers wurden bisher aber noch keine Abtreibungen – Kosten 2000 Euro – von der Stadt bezahlt.

Seit der Zustrom der Bulgarinnen 2007 begann, versuchte die Hilfsorganisation Kober, die seit 22 Jahren Prostituierte betreut, die Frauen aufzuklären. Doch fast alle können weder schreiben noch lesen. Da sie nur einen Dialekt sprechen, ist auch kein Gespräch möglich.

Die Prostituierten stammen fast alle aus Stolipinovo, einem Vorort von Plovdiv, der als eines der größten Roma-Ghettos auf dem Balkan gilt. Mindestens 45 000 Mitglieder der in Bulgarien diskriminierten Minderheit hausen dort unter schlechtesten Umständen. “Ohne Strom und Wasser. Kindern wird jeder Zugang zu Bildung verwehrt”, sagt Elke Rehpöhler. Die Arbeitslosigkeit liege bei etwa 90 Prozent. “Und seit 2009 wird in Bulgarien nur noch 18 Monate lang Sozialhilfe gezahlt”, berichtet Kirsten Cordes.

Da die Frauen in der Heimat keinerlei Alternative haben, ist es für die Mitarbeiterinnen von Kober “menschlich verständlich”, dass die Bulgarinnen in die Prostitution gingen. “Sie ernähren mit dem Geld, das sie hier verdienen, ganze Großfamilien von 20 bis 30 Menschen”, sagt Kirsten Cordes.

Schon Anfang 2009 hat Kober einen Antrag auf Bewilligung von Mitteln für eine Dolmetscherin gestellt, um zumindest mit den Frauen sprechen und sie aufklären zu können. Laut dem Dortmunder Rechts- und Ordnungsdezernent Wilhelm Steitz ist inzwischen eine 20-Stunden-Stelle bewilligt. Der Dezernent hat das Bulgaren-Problem zur “Chefsache” erklärt und eine Arbeitsgruppe einberufen, der neben Ämtern und Hilfsorganisationen auch die Polizei angehört.

Am “runden Tisch” sollen nicht nur die Zustände auf dem Straßenstrich thematisiert werden. Denn nicht nur Frauen sind aus Bulgarien gekommen. Tag für Tag bevölkern im Dortmunder Norden Männer aus dem Balkanstaat die Bürgersteige. Insgesamt sind nach Angaben eines Stadtsprechers etwa 2000 Bulgaren und 1700 Rumänen in Dortmund. Von Schwarzarbeit und anderen kriminellen Aktivitäten ist die Rede. Die Polizei aber sagt, sie habe keine Kenntnis von einer Zunahme der Straftaten.

Die SPD-Stadtbezirksvorsitzende Marita Hetmeier hält die Zustände im Viertel nicht mehr für tragbar. “Wenn Kinder auf dem Schulweg Prostituierte sehen, Streitereien auf offener Straße erleben, ist das sozial nicht mehr akzeptabel.” Um Recht und Ordnung zu wahren, müsse gehandelt werden.

Elke Rehpöhler und Kirsten Cordes geben nicht der Stadt die Schuld für die Misere. Schließlich habe Bulgarien beim Eintritt in die EU als Auflage bekommen, die Integration der Roma zu verbessern – und dafür Gelder erhalten. Elke Rehpöhler sagt: “Wenn die Roma in der Heimat eine Perspektive haben, haben sie keinen Grund, in Dortmund auf den Strich zu gehen.”

Die EU-politische Dimension der Lage in Dortmunds Norden betont auch der Rechts- und Ordnungsdezernent. Wilhelm Steitz fühlt sich deshalb “machtlos gegenüber diesen Auswüchsen”. Die Bulgaren und Rumänen seien legal in Dortmund, dürften aber aufgrund der Rechtslage praktisch nur als Selbstständige tätig sein. Sie hätten deshalb keine Chance, eine “normale” Arbeit auszuüben. Für “nicht nachvollziehbar” hält Wilhelm Steitz diese Regelung, die politisch auf EU-Ebene geschaffen worden sei und vor deren Folgen der deutsche Städtetag immer gewarnt habe.

(Quelle: Rheinische Post)

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