Anwohner kämpfen um ihr Wohnviertel

Posted in News by admin @ Okt 12, 2007

Prostitution in Schöneberg Geplantes Großbordell an der Kurfürstenstraße empört die Menschen im Kiez rund um die Zwölf-Apostel-Kirche

Kurzer Rock, rote Stiefel, suchender Blick – das Geschäft läuft an diesem Tag nicht gut. Die Prostituierten vor dem Erotik-Kaufhaus LSD (Love, Sex, Dreams), das rund um die Uhr geöffnet hat, zeigen sich umso beharrlicher. Im Kiez sind sie nicht gelitten. Anwohner, Gewerbetreibende, Erzieherinnen und junge Familien mit Kindern klagen darüber, dass durch die neue aggressive Straßenprostitution das ohnehin durch Straßenstrich und Drogenszene belastetet Gebiet gekippt sei. Die Frauen aus Osteuropa würden noch nicht einmal davor zurückschrecken, die Männer anzusprechen, die nur mal schnell einen Drink im Café nehmen. Auch Handgreiflichkeiten seien an der Tagesordnung. Andreas Fuhr, Vater von vier Kindern im Alter zwischen drei und elf Jahren und Pfarrer der nahen Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, sagt, die Stimmung sei aufgeheizt: “Wir hatten hier im Bereich Froben-, Kurfürstenstraße und Genthiner Straße eine eher unauffällige Prostitution von zumeist Drogenabhängigen und haben mit dem Straßenstrich gelebt. Unsere Kinder hatten nie schlechte Erfahrungen damit gemacht, aber jetzt sind Rumgebrülle und Geschlechtsverkehr auf der Straße keine Seltenheit mehr.”

Auch die Erzieherinnen aus dem “Haus der Kinder” an der Kurmärkischen Straße 2-8 haben die Veränderung längst zu spüren bekommen. Es gebe viel mehr Frauen, die sich prostituieren als noch vor wenigen Monaten, sie seien auch auffälliger gekleidet als Huren vom Straßenstrich um die Ecke in der Frobenstraße oder die weiter entfernt auf der Kurfürstenstraße. Auch die “alteingesessenen” Huren ärgern sich über das neue Geschäftsgebaren ihrer Konkurrenz: “Die machen alles für “nen Zehner, ohne Gummi, manche gehen mit den Männern dazu ins LSD-Haus, bei uns hält keiner mehr an. Und wenn, handeln uns die Freier runter, denn wir nehmen ab 25 Euro”, so eine Prostituierte, die an der Frobenstraße mit zwei weiteren Frauen auf Kunden wartet. Sie sind unauffällig gekleidet. Dass sie ihre Haut zu Markte tragen, merkt man auf den ersten Blick nur daran, dass sie wartend am Bordstein stehen.

Das Bezirksamt hat nicht nur 2400 Protest-Unterschriften von Anwohnern gegen das von einem Privatmann beantragte Großbordell im ehemaligen Wegert-Haus erhalten, auch Geschäftsleute appellieren an die Politiker, im Kiez wieder für mehr Ordnung zu sorgen.

Woolworth-Geschäftsleiter Detlef Matuszewska (46), der das Treiben direkt vor der Tür hat, ärgert sich über die massive Anhäufung von Prostituierten, die rund um die Uhr arbeiten. Durch das “ständige Angequatsche” würden seine Kunden verprellt. Es gebe viele Beschwerden. Auch die Mitarbeiter fühlten sich in solch einer Umgebung nicht mehr wohl. Zusammen mit der IG Potsdamer Straße sei der Verein “Boulevard der Bänke”, dessen Vorsitzender er ist, bemüht, die Potsdamer Straße als Einkaufs- und Flaniermeile aufzuwerten. Die Verwaltungen der beiden Bezirke Mitte und Tempelhof-Schöneberg müssten dringend zusammenarbeiten, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Selbst der Hauseigentümer des ehemaligen Wegert-Hauses, Sven H., bezeichnet die Entwicklung als “Drama”. Nach reiflicher Überlegung habe er mit dem Privatmann aus Westdeutschland, der in der zweiten, dritten und vierten Etage des Gebäudes das Laufhaus einrichten will, einen Zehn-Jahres-Mietvertrag gemacht. Und zwar, nachdem das Stadtplanungsamt dem Mieter gesagt habe, dass die Genehmigung für ein Bordell an dieser Stelle kein Problem sei. Um aus der Misere herauszukommen, habe er den Mieter vor kurzem gebeten, den Vertrag aufzuheben. Doch der habe abgelehnt. Er habe Kosten gehabt, Brandschutzgutachten und Baupläne würden der Behörde komplett vorliegen. Der Mieter fühle sich im Recht und werde die Sache durchziehen, meint der Hauseigentümer. Seinen Namen will der Hauseigentümer, von Beruf Bankkaufmann, mit Rücksicht auf seine Kinder nicht nennen. Seinem Mieter habe er ebenfalls Diskretion zugesagt. Der Betreiber habe mit dem Straßenstrich vor der Haustür aber nichts zu tun. Um das Haus “sauber zu halten”, habe er als Hauseigentümer nun Bodyguards angestellt. Sie sollen die Prostituierten verjagen. Und der Parkplatz werde nachts mit Flutlicht beleuchtet.

Die Hoffnung der Rossmann-Verkausfstellenleiterin Beatrix Baum, dass es besser ist, wenn die Prostituierten von der Straße wegkommen und im Haus arbeiten, wird also wohl nicht in Erfüllung gehen. Das Bordell würde eine neue Gruppe von Huren mit ihren Freiern bedeuten, sagt auch Stephanie Klee vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen, in dem Prostituierte organisiert sind. Auch sie ist gegen das Laufhaus an der Potsdamer Straße Ecke Kurfürstenstraße: “Ein Laufhaus würde die Vielfältigkeit erhöhen, aber an dieser Stelle wäre es nicht sozialverträglich.”

Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat zugesagt, das Bordell nicht genehmigen zu wollen. Es scheint auf einen Rechtstreit hinauszulaufen, den baurechtlich ist es zulässig.

(Quelle: morgenpost.de)

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